Wein-Mittelschicht

Wein-Mittelschicht ganz oben – Caberlot, Syrah und Verdicchio aus Italien

Wein-Mittelschicht? Kann man beim Wein eigentlich auch von einer Mittelschicht sprechen? Sind damit Einheitsweine vom Discounter gemeint, weil sie „im Mittel“ am häufigsten getrunken werden? Oder sind es Weine, die sich die vielzitierte Mittelschicht leistet und aktuell vornehmlich aus Nero d´Avola, Pinot Grigio oder Primitivo besteht? Um jetzt in keine politische Falle zu treten, unterteile ich Italien mal lieber rein geografisch in die Makroregionen Nord, Mitte und Süd. Während wir den Norden in Kürze „abfeiern“ werden, liegen uns ein paar besondere Weine eben aus der georgrafischen Wein-Mittelschicht besonders am Herzen und diese möchten wir Ihnen heute gerne etwas näher bringen, vorzugsweise bis in Ihren Keller…

Wer an Italien denkt, wird sicher auch stets die Toskana im Kopf haben, wie sie durch Pinien gesäumte Straßen entlang der Abrisskante alter Weinberge mittelalterliche Weiler mit dem nächstgelegenen Traumschloß verbindet. Überall duftet es nach gegrilltem Rindfleisch, Käse und den vermeindlich besten Oliven. Dazu dann ein Glas Chianti Classico… doch das ist nur ein stereotyper Ausschnitt aus der toskanischen Vielfalt. Hier gibt es so unzählig viel mehr zu entdecken! Seit über drei Jahrzehnten gibt es beispielsweise den Caberlot von Il Carnasciale, eine Kreuzung aus Merlot und Cabernet Franc, die Italiens Antwort auf erotisch-sinnliche Bordeaux im Stile von Le Pin darstellt. Und dass die Toskana nicht nur Bordeaux (und Baden 😉 …) Konkurrenz macht, beweist Stefano Amerighi, der mit seinen Syrah-Gewächsen die internationalen Qualitätspyramiden erstürmt und in den sozialen Medien dafür zurecht geteilt und geliked wird.

So unbestritten die Toskana aus der Mitte Italiens hervorragt, so konstant ist das Schattendasein der Marken. Man hat das Gefühl, dass die Zeit einfach stehen bleibt. Grün wie eh und je, von unaufgeregtem ländlichen Charme durchzogen und bodenständiger Küche gespeist, bleiben die Marken stets eine ruhige, verlässliche Quelle an Weinen, die nicht spektakulär sein müssen, um Genuss zu versprechen. Insbesondere die Verdicchios gehören schon seit Jahrzehnten zu den besten Weißweinen Italiens, bleiben aber erfreulich in der finanziellen Mittelschicht und dabei vor allem ehrlich im Glas. Die Verdicchios von Borgo Paglianetto verkörpern genau diese Ehrlichkeit ohne gemachte Effekte und Getöse: schmeckige, präzise und geradlinige Weißweine, die den italienischen Weißwein verkörpern, den man stets im Kopf, aber viel zu selten im Glas hat.

Stefano Amerighi

Stefano beweist, dass große Syrah nicht zwingend nur an der Rhône wachsen. Dabei ist er selbst ein großer Fan dieser Weine und sehr gut mit den Brüdern Gonon aus St. Joseph befreundet. Er vertreibt deren Weine sogar in Italien und wer die Weine kennt, weiß wie hoch sich Stefano damit die Messlatte für die eigenen Weine setzt. Doch er macht nicht den Fehler, diese Weine zu kopieren, sondern sucht seinen eigenen Stil, der zum Terroir passt und eher an die Weine der Domaine de Rosiers erinnert, wenn man überhaupt mit der nördlichen Rhône vergleichen mag. Ähnlich wie bei den Côte Rôtie steht die Eleganz und Reintönigkeit der Syrah im Vordergrund, aber dazu gesellt sich eben dieses typisch toskanische Blut, welches sich leicht kirschfruchtig unter die Würzigkeit des Syrah mischt und die Weine unverwechselbar in ihrer Herkunft aus der Wein-Mittelschicht Italiens macht. Bereits der Einstiegswein Julie & Giulia verspricht viel Freude im Glas und erfreulich spontanen Genuss. Auch der Syrah hat nichts von den bäuerlich-rustikalen Art eines St. Joseph oder Crozes, sondern ist vor allem reintönig und geradlinig, statt akademisch und kompliziert. Rotes Fleisch, ob gebraten oder geschmort, hausnah oder wild, wird durch diesen Wein perfekt begleitet. Der Spitzenwein Apice bietet dann noch einen Tick mehr Finesse, ohne sich stilistisch von den anderen beiden abzusetzen. Biodynamisch produziert wird übrigens auch der Rosé ganz aus Syrah, der sich ebenfalls nicht vor den französischen Nachbarn zu verstecken braucht und nicht nur dem Sommer die Hitze nimmt, sondern auch im Herbst zu gegrilltem und gebratenem Huhn, Schwein oder Krustentier eine ausgezeichnete Figur macht.

In Italien besitzt Stefano bereits eine große Anhängerschaft aus Weinverrückten, Sommeliers und Liebhabern, so daß die familiäre Weingutsgröße nur für die eingeweihten genug Trauben garantiert…

Stefano Amerighi

Der Rebenflüsterer: Stefano Amerighi ist der Erwecker des italienischen Syrah.

 

Il Carnasciale

Die Geschichte der Familie Rogosky und Kultivierung der exklusiven Caberlot wurde schon zu oft erzählt, um sie wieder und wieder zu wiederholen… Auch wenn wir bekanntlich Weine lieben, die Geschichten erzählen, zählt am Ende doch vor allem, was im Glas ist. Jedes Mal, wenn wir eine Magnum Caberlot für Freunde (statt Gäste…) öffnen, ist die Reaktion die gleiche: unzählige wows, mmhs und aahs sorgen dafür, dass niemand mehr den Geschichten eines Erzählers folgt, sondern ein jeder sich voll und ganz dem Hedonismus hingibt und jeder zarten Note dieser Weine zuhört. Was für ein Elixier, welches Glück beim Verkosten hervorruft! Wenn Ihnen meine Worte hier berechtigterweise zu schwelgerisch und unsachlich erscheinen, mögen Sie gerne die geschätzte Unterhaltung pflegen bis eines Tages einer Ihrer besten Freunde eine Flasche Caberlot öffnet. Dann können wir uns ja nochmal dazu austauschen…

Wer heimlich ohne seine Freunde mal hineinschmecken möchte, dem empfehle ich die vertrauliche Demi-Magnum Il Carnasciale, die etwas früher trinkreif ist und den sinnlichen Stil der Weine repräsentiert.

Podere Il Carnasciale

Träume werden wahr: die Caberlot macht es möglich 😉

 

Borgo Paglianetto

Es gibt zwei ausgezeichnete Regionen für Verdicchio: die etwas üppigere Weine hervorbringenden Castelli di Jesi sowie die etwas höher liegenden Weinberge von Matélica. In 2008 machten sich ein paar qualitätsbeseelte Winzerfreunde auf, um ein neues Projekt aus dem Boden zu heben, welches das Terroir dieser Region besonders zum Vorschein bringen soll. Jeder einzelne hätte zu wenig Durchschlagskraft und so wurde Borgo Paglianetto geboren. Damit das Ergebnis mehr als die Summe der Einzelteile erbringt, hat man sich von Anfang an auf biologische Anbaumethoden, möglichst geringe Intervention im Keller und streng limitierte Mengen geeinigt. Die Verdicchios von Borgo Paglianetto sind das, was man sich bei italienischen Weißweinen wünscht und leider so selten in dieser Qualität bekommt: reintönig und frisch, dabei stets präzise und präsent, von edlem Aroma für die Begleitung italienischer Speisen geeignet, die nicht nur aus Pasta und Pizza bestehen. Der Terravignata ist der nahbarste der Verdicchio-Deklination und versprüht bereits jung große Lebensfreude am Tisch. Der Petrara ist noch etwas mineralischer und feiner, sollte aber bitte noch 1-2 Jahre im Keller liegen, bevor er sich öffnet – besser gesagt – Sie ihn öffnen. Der Vertis besitzt deutlich mehr Kraft als die beiden vorhergehenden und passt zur noblen Küche, insbesondere, wenn die Zutaten aus dem Meer stammen. Die Riserva Jera besitzt sehr viel Alterungspotential und konkurriert mit dem kräftigeren Villa Bucci aus Jesi um die Krone des Verdicchios. Hier darf es dann auch feinstes weißes Bratenfleisch sein (Truthahn, Fasan oder Mohrhuhn, wenn Sie noch eines treffen…).

Auch wenn hier schon die Römer Trauben anbauten, haben sich diese Weine noch nicht von der gesuchten Wein-Mittelschicht entfernt. Und das ist doch irgendwie auch gut so…

Matelica

Gesunde Weinberge sind die Voraussetzung für gute Weine. Bei Borgo Paglianetto dominiert das ehrliche Terroir von Matelica alle Weine.